aktuell 29.07.2007

Entwicklungspsychologie

Was ist Entwicklung?     Gegenstand der Entwicklungspsychologie     Was ist menschliches Verhalten?     Historische Anfänge     Anlage oder Umwelt?     Psychologische Methodenlehre     Pränatale Entwicklung     Neurologie    Das Neugeborene     Jean Piaget     Hyperaktivität     Legasthenie     Tests und Testpsychologie    

Eine typische Unterteilung in der Entwicklungspsychologie ist die in: Gegenstand der Entwicklungspsychologie, Grundlagen, pränatale Entwicklung, das Neugeborene, die frühe Kindheit, das Vorschulalter, die Schulkindzeit, das Jugendalter bzw. Adoleszenz, das Erwachsenenalter bzw. die Lebensmitte und das höhere Lebensalter wie man sie z.B. bei Mietzel, Rossmann und Zimbardo findet. Die klassischen Theorien enden bei Erreichen des Erwachsenenalters, tatsächlich jedoch schreitet Entwicklung fort. Es gibt kein Ende in der Entwicklung.

Was ist Entwicklung?
Der klassischen Theorie nach besteht Entwicklung aus Veränderungen, die aufeinanderfolgen und unumkehrbar sind. Gemeint ist damit, dass eine Veränderung die Vorstufe für eine andere ist, also beispielsweise das Krabbeln eine Veränderung, die dem Laufen vorausgeht. Inzwischen hat man von Kindern, die in dem Alter, in dem sie normalerweise mit Krabbeln anfangen, erkrankt waren, gelernt - denn diese Kinder haben direkt mit dem Laufen begonnen.
Diese Veränderungen sind unumkehrbar - sie sind dauerhaft, sie gehen nicht auf Vorstufen zurück.

Schaut man sich nun ein bestimmtes Lebensalter an, so gibt es verschiedene Aspekte, unter denen man Entwicklung betrachtet. Rossmann (1996) z.B. unterscheidet für das Kindes- und Jugendalter körperliche, kognitive und sozial-emotionale Entwicklung. Dies ist nur eine Art des Herangehens. Jean Piaget, einer der bekanntesten und einflussreichsten Entwicklungspsychologen neben z.B. Freud und E. Erikson, entwickelte eine Theorie der kognitiven Stadien, wählte also den kognitiven Aspekt (geistig, die Erkenntnis betreffend) als Oberthema.

Gegenstand der Entwicklungspsychologie

Wie und wann entstehen menschliches Verhalten und Erleben - und wie verändert es sich im Laufe der Zeit? Was ist typisch? Z.B. lernen afrikanische Kinder früher laufen als europäische oder amerikanische. Ist das genetisch bedingt? Tatsächlich ist es das nicht, was aber dann?

Entwicklungpsychologen versuchen Bedingungen festzustellen und anzugeben "unter denen bestimmte Entwicklungsverläufe mit größerer Wahrscheinlichkeit als unter anderen zu erwarten sind." (Mietzel, S. 1)
Jedoch gibt es innerhalb der Entwicklungspsychologie recht widersprüchliche Meinungen, was was bedingt. Dies hat mit dem Focus des entsprechenden Entwicklungspsychologen zu tun und den Untersuchungsmethoden (vergl.Psychologische Methodenlehre) und deren Schlussfolgerungen, auf denen seine Aussagen basieren. "Mary Shirley beobachtete 25 Kinder, um Veränderungen ihres motorischen Verhaltens zu pro-tokollieren." (Mietzel S. 3), lenkte ihren Focus jedoch nicht auf Handmotorik und bezog weder unterschiedliche Bevölkerungsgruppen noch Völker oder Generationen in ihre Beobachtungen mit ein.

Was ist menschliches Verhalten?
"Dazu werden … nicht nur motorische Aspekte (Sitzen, Stehen, Laufen) gezählt, sondern auch kognitive (das Kind erkennt ein Gesicht), verbale (es spricht einen Satz), nonverbale (es lächelt) und physiologische (z.B. Gehirnaktivität, Hormonausschüttung)." Rossmann, 1996, S. 19

Historische Anfänge der Entwicklungspsychologie

"Bereits von den Philosophen der Antike wurde beispielsweise der Lebenslauf des Menschen in verschiedene Phasen eingeteilt." (Rossmann, 1996, S. 15) Die ersten für die heutige Entwicklungspsychologie relevanten Einflüsse stammen jedoch aus dem 17. / 18. Jahrhundert.

  • René Descartes (1596 - 1650): Der Mensch ist ein vernunftbegabtes Wesen, er hat "von Gott eine Art 'Grundausstattung' von angeborenen Ideen" (Rossmann, 1996, S. 15) mitbekommen, wie Gott, Gesetze der Logik und der Mathematik. Erkenntnis ist "Wiedererkennen von bereits in der Seele schlummernden Vorstellungen" (Rossmann, S. 15).
  • John Locke (1632 - 1704): Der Mensch kommt als "tabula rasa", als leeres Blatt auf die Welt, er wird erst durch die Erfahrungen des Lebens geformt.
  • Jean Jacque Rousseau (1712 - 1778): Es sind "die Stufen der Entwicklung vom Neugeborenen bis zum Erwachsenen universell und von der Natur weitgehend vorgegeben … Mit Versuchen pädagogischer Einflußnahme könne man eher schaden als nutzen, weil die Entfaltung der guten Anlagen des Menschen damit behindert werde." (Rossmann, 1996, S. 15).
  • Dietrich Tiedemann (1748 - 1803): Philosoph, leitete Studium der Verhaltensentwicklung aufgrund konkreter Beobachtung ein. Führte Tagebuch über Entwicklung seines Sohnes, 1787 "Beobachtungen über die Entwickelung der Seelenfähigkeit bei Kindern".
  • Charles Darwin (1809 - 1882): Arbeiten über den Ursprung der Arten, 1877 veröffentlicht er Aufzeichnungen über die Entwicklung seines ersten Kindes. Wiederholt sich in der Entwicklung des Individuums (Ontogenese) die Entwicklung der ganzen Art (Phylogenese)?
  • Wilhelm Preyer: 1882 "Die Seele des Kindes", beruht ebenfalls auf Beobachtungen der Entwicklung seines Sohnes. Diese Veröffentlichung regte eine ganze Reihe von "Babybiographien" an.

Erst um die Jahrhundertwende 19. ⁄ 20. Jh. etablierte sich die Psychologie als eigenständige Wissenschaft. 1884 wurde G. Stanley Hall erster Professor für Psychologie an einer amerikanischen Universität. Kinder- und entwicklungspsychologische Forschung stand zu Anfang im Zentrum des Interesses. Im Laufe der Zeit wurde die Entwicklungspsychologie jedoch immer differenzierter, "sodaß heute einheitliche Theorien für das gesamte Entwicklungsgeschehen oder große theoretische Entwürfe, wie sie noch zu Freuds Zeiten möglich schienen, praktisch nicht mehr haltbar sind." (Rossmann, 1996, S. 17)

Die Schwierigkeit, die sich aus den unterschiedlichen Vorstellungen ergab und immer wieder ergibt, ist, dass je nach der eigenen Überzeugung (Sichtweisen) Empfehlungen gegeben werden, um Entwicklung zu fördern. So treten entsprechend bei "der Beantwortung der Frage, welche Entwicklungen als wünschenswert zu gelten haben und welche nicht ... erhebliche Auffassungsunterschiede zutage." (Mietzel 1997, S. 10)

Anlage oder Umwelt?

"Beruht die psychische Entwicklung vorwiegend auf biologischen Reifungsprozessen, die sich naturgegeben, von innen heraus, entfalten oder sind dabei äußere Einflüsse und Anregungen, Lern- und Sozialisationsprozesse das wirklich Wichtige?" (Rossmann 1996, S. 29)

Während sich im Laufe der Zeit verschiedene milieuoptimistische (Umwelt formt den Menschen) und milieupessimistische (Umwelt formt den Menschen nicht oder schadet nur) Theorien entwickelt haben, hat sich inzwischen gezeigt, dass es hier nicht um ein Entweder-Oder geht, sondern um die Frage der Gewichtung. Sowohl die Anlagen sind wichtig als auch die Umwelt (vgl. Konvergenztheorie). Der Mensch bringt viele Anlagen mit, die sich aber praktisch nur entwickeln, wenn sie in einem gewissen Alter durch Umweltreize stimuliert werden. Dazu gehört die Sehfähigkeit. "Sehleistungen, die sich bis … zum 7. Lebensjahr … nicht entwickelt haben, können später nicht mehr erworben werden." (Rossmann 1996, S. 30) Die entsprechende (Neuro-)Physiologie wird durch die Anforderungen von außen (Umwelt) erst ausgebildet. Ein anderes Beispiel. Seit Mary Shirley wurden verschiedene Untersuchungen durchgeführt, in welchem Alter krabbeln, stehen, laufen lernen. Mit fortschreitenden Untersuchungen stellte sich heraus, dass das unterschiedliche Alter, in dem amerikanische Kinder und solche aus Uganda laufen lernen nicht genetisch bedingt ist. Letztere laufen bereits mit 10 Monaten. Aber wenn in einer amerikanischen oder europäischen Familie aufwachsen lernen sie es später (vgl. Mietzel 1997, S. 109). Während der Einfluss von Anlage und Umwelt bei der Sehfähigkeit oder dem Erlernen des Laufens - also physiologischen Themen - noch relativ leicht zu untersuchen ist, wird dies bei psychologischen Themen deutlich schwieriger.

Für diejenigen, die sich etwas in das Thema Anlagen vertiefen möchten, hier ein kleiner (!) Ausflug in die Genetik.

Weiter mit der Entwicklung bis zur Geburt.